«Bei der Klimaanpassung können bereits kleine Schritte viel bewirken»

Hitzetage und Tropennächte – Gemeinden sind gefordert, sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. Saskia Frey-von Gunten, Leiterin der Energieberatung Region Bern-Mittelland, erklärt, wie Gemeinden pragmatisch vorgehen können und weshalb oft schon einfache Massnahmen eine grosse Wirkung entfalten.

Saskia Frey-von Gunten, Leiterin Energieberatungsstelle
Saskia Frey-von Gunten, Leiterin Energieberatungsstelle

Was ist der Unterschied zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung?

Während der Klimaschutz darauf abzielt, Treibhausgasemissionen zu reduzieren, beschäftigt sich die Klimaanpassung mit der Frage, wie wir unsere Siedlungen und Lebensräume widerstandsfähiger gegenüber den bereits eintretenden Veränderungen gestalten können.

Klimaschutz ist vielen Gemeinden ein Begriff. Warum gewinnt nun auch die Klimaanpassung an Bedeutung?

Die Auswirkungen des Klimawandels wurden diesen Sommer sehr stark spürbar. Hitzewellen, Trockenperioden und punktuell stärkere Niederschläge stellen Gemeinden zunehmend vor Herausforderungen. Die Entwicklung wirkt sich auf die Bevölkerung, die Infrastruktur, die Trinkwasserversorgung und die Natur aus. Und wir wissen heute: Die Schweiz ist vom Klimawandel sogar stärker betroffen als viele andere Länder. Steigt die globale Temperatur beispielsweise um 3 °C, erwärmt sich die Schweiz im Durchschnitt um 4,9 °C.

Bedeutet Klimaanpassung immer grosse und kostenintensive Projekte?

Nein. Viele Gemeinden können mit überschaubarem Aufwand erste Massnahmen umsetzen. Klimaanpassung lässt sich oft in bestehende Projekte integrieren, beispielsweise bei Strassensanierungen, Erschliessungen oder Ortsplanungen. Oft ist es sinnvoll, schrittweise vorzugehen, Erfahrungen zu sammeln und bestehende Vorhaben um Aspekte der Klimaanpassung zu ergänzen.

Wo können Gemeinden idealerweise ansetzen?

Ein guter Einstieg sind besonders hitzebelastete Gebiete. Darin bieten sogenannte Cooling Spots schattige oder kühlere Aufenthaltsmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Diesen Sommer wurde dazu die Karte «Kühle Orte in der Region Bern» entwickelt. Gemeinden haben verschiedene Möglichkeiten, Cooling Spots zu schaffen.

Wie kann das konkret aussehen?

Am Regionstag vom 12. Juni 2026 hat die Stadt Burgdorf ihr Projekt «Hitzetage und Tropennächte – die innovative Suche der Stadt Burgdorf nach Flächen mit Kühlungspotenzial» vorgestellt. Das Projekt zeigt auf, wo Entsiegelungen möglich sind und wie diese mit laufenden Infrastrukturprojekten verknüpft werden können.

Welche weiteren Möglichkeiten der Klimaanpassung haben die Gemeinden?

Zentral ist es, Grün- und Freiflächen zu erhalten und zu vernetzen sowie den Baumbestand und die Beschattung zu fördern. Das Konzept «Schwammstadt» ist eine weitere wirksame Möglichkeit. Ebenso bilden die Sensibilisierung der Bevölkerung und der Erfahrungsaustausch mit anderen Gemeinden sinnvolle Massnahmen.

Wie sind ländliche Gemeinden vom Thema betroffen?

Zwar sind ländliche Gemeinden etwas weniger stark betroffen als städtische, verfügen aber oft über gute Voraussetzungen. Wichtige Massnahmen sind die Vernetzung von Grün- und Freiräumen, der Schutz von Quellen und Grundwasser, der Waldumbau sowie die Vorsorge gegen Starkregen und Oberflächenabfluss. Viele dieser Massnahmen erhöhen gleichzeitig die Lebensqualität und stärken die Widerstandsfähigkeit der Gemeinde.

Erhalten die Gemeinden Unterstützung vom Kanton Bern?

Der Kanton Bern unterstützt die Gemeinden auf verschiedenen Ebenen. Besonders hilfreich sind die kantonalen Klimakarten. Die kantonale Arbeitshilfe «Klimaangepasste Siedlungsstruktur in der Planung fördern» zeigt konkrete Massnahmen und Planungsgrundsätze für eine klimaangepasste Siedlungsentwicklung auf. Diese wurde am letzten Regionstag ebenfalls vorgestellt.

Die kantonale Arbeitshilfe spricht von grünen, blauen, grauen und durchlässigen Infrastrukturen. Was ist darunter zu verstehen?

Quelle: Kanton Bern
  • Durchlässige Infrastrukturen: Hier geht es darum, Kaltluftentstehungs- und Kaltluftströmungsgebiete zu erhalten, damit Siedlungen besser auskühlen können.
  • Grüne Infrastrukturen: Bäume und Grünflächen sorgen für Schatten, Kühlung und Biodiversität.
  • Graue Infrastrukturen: Ziel ist es, Gebäude und versiegelte Flächen hitzeresilient zu gestalten und Versiegelung zu reduzieren.
  • Blaue Infrastrukturen: Es ist sinnvoll, Regenwasser zu speichern, versickern zu lassen und weiterzuverwenden, beispielsweise nach dem «Schwammstadt»-Prinzip.

Gibt es Förderbeiträge für die Finanzierung von Klimaanpassungs-Projekten?

Für verschiedene Massnahmen stehen Fördermittel von Bund und Kanton zur Verfügung. Ein wichtiges Angebot ist das Förderprogramm Adapt+ des Bundes zur Anpassung an den Klimawandel. Im Rahmen des «Berner Klimaprogramms für Gemeinden» wird die Erstellung einer «kommunalen Klimastrategie» gefördert, dazu gehört auch das Thema «Klimaanpassung». Ebenso kann finanzielle Unterstützung für Konzepte im Bereich Klimaanpassung bei der Massnahme «Klimakommunikation» beantragt werden. Zudem unterstützt der Kanton Bern seit diesem Jahr Projekte zur Förderung der Siedlungsbiodiversität in der kommunalen Planung.

Zum Schluss: Weshalb lohnt sich Klimaanpassung für Gemeinden?

Klimaanpassung erhöht die Lebensqualität, schützt die Infrastruktur und reduziert langfristige Kosten. Denn Vorbeugen ist wirtschaftlicher als Reparieren. Gemeinden haben verschiedene Hebel. Sie können bestehende Planungen konsequent um Klimaanpassungsmassnahmen ergänzen, Grünflächen stärken, Wasser intelligent nutzen, Hitzebelastungen reduzieren und sich gegen Naturgefahren wappnen. Nicht zuletzt zeigen Gemeinden mit ihren Massnahmen der Bevölkerung, dass sie das Thema ernst nehmen!

Veranstaltungshinweis: Klimataugliche kommunale Gebäude

Wie gelingt nachhaltiges Bauen in der Praxis? Die Veranstaltung im Rahmen der Energy Future Days 2026 zeigt anhand von konkreten Beispielen auf, wie Gemeinden mit energieeffizienten Gebäuden, ressourcenschonenden Materialien und Massnahmen zur Klimaanpassung zukunftsfähig planen.

Freitag, 6. November 2026
14.30–16.00 Uhr, anschliessend Apéro
BERNEXPO, Forum Green
Hier geht’s zur Anmeldung.

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