Konzert Theater Bern startet mit Zuversicht in die neue Vertragsperiode

Konzert Theater Bern (KTB), 2011 aus dem Stadttheater Bern und dem Bernisches Symphonieorchester entstanden, ist die mit Abstand grösste Kulturinstitution «von mindestens regionaler Bedeutung», an deren Betriebskosten die Gemeinden der Region Bern-Mittelland sich beteiligen. Am 1. Juli 2015 beginnt die zweite Vierjahresperiode. Der dazugehörige Leistungsvertrag (hier) wurde im Frühling von der Regionalversammlung und im Juni vom Stadtberner Stimmvolk sehr deutlich angenommen. KTB erhält einen durchschnittlichen jährlichen Betriebsbeitrag von knapp 38 Millionen Franken; davon übernehmen die Regionsgemeinden 12 Prozent (ca. 4,6 Millionen Franken). Intendant Stephan Märki stellt sich im Interview den Fragen von Michael Achermann, Fachbereichsleiter Kultur bei der Regionalkonferenz Bern-Mittelland RKBM.

Rückblick auf die 1. Vertragsperiode 2012–2015

Stephan Märki, am Ende der Saison 2013/14 vermeldeten Sie über 140‘000 Besucherinnen und Besucher, deutlich mehr als in der vorangegangenen Saison. Und in den ersten drei Saisons haben Sie jeweils schwarze Zahlen geschrieben. Wie reiht sich die soeben zu Ende gegangene Saison 2014/15 in diese positiven Nachrichten ein?

Stephan Märki: Erfreulicherweise schliesst sie an die Entwicklung der Vorgängerspielzeiten an. Zwar haben wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keinen Geschäftsbericht vorliegen, aber anhand der Zahlen der vergangenen Monate können wir sehr optimistisch sein. Trotz der grossen Einschränkungen durch die Schliessung des Grossen Hauses hatten wir grossartige künstlerische Produktionen, viele ausverkaufte Vorstellungen und sind mit der vorläufigen Saisonbilanz sehr zufrieden.

Wie beurteilen Sie das künstlerische Schaffen der ersten Vertragsperiode? Haben Sie den Menschen in der Region ins Herz getroffen?

Stephan Märki: Wir suchen das Herz immer – und treffen es hoffentlich immer öfter. Trotzdem müssen das eher die Menschen in der Region beurteilen. Mein Eindruck, der durch viele Gespräche mit Zuschauern, durch viele Zuschriften, natürlich die unmittelbaren Publikumsreaktionen und nicht zuletzt durch die Presse entsteht, ist aber, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir müssen einfach bereit sein, uns dahingehend immer wieder zu hinterfragen und selbstkritisch zu bleiben. Sich selbst immer wieder in Frage zu stellen gehört auch zur Kunst.

Einzelne Veranstaltungen des KTB wurden «auf dem Land» aufgeführt. Wie sind sie angekommen? 

Stephan Märki: Wir verfolgen mehrere Strategien. Unser «Konzert Theater Bus» bringt Menschen aus dem weiter entfernten Umland zu unseren Veranstaltungen und wieder zurück – dieser Service wird sehr geschätzt. Aber genauso wichtig sind Konzerte und Vorstellungen, die wir ausserhalb unserer Häuser, «auf dem Land», wie Sie sagen, anbieten: Das Orchester mit seinen vielen Schulkonzerten in der Region hat von Beginn an Erfolg gehabt und stösst auf noch immer wachsende Begeisterung. Auch das Schauspiel hat gerade in der vergangenen Saison tolle Arbeit gemacht, besonders mit «Judas», einem Einpersonenstück, das in vielen Kirchen und Kirchgemeindehäusern in der Region Bern gastiert hat. Da waren die Kirchen immer voll. Uns ist wichtig, dass wir damit ein Bedürfnis von Menschen erfüllen, die nicht allein in die Stadt fahren bzw. Kultur vor Ort erleben möchten. Wir wollen damit aber auch die Aufmerksamkeit für uns konstant halten und den einen oder anderen zu uns ins Haus locken – zum Beispiel im Musiktheater, das nicht so einfach mobil gestaltbar ist.

Wie beurteilen Sie die Verankerung des KTB in der Region? Und haben Sie spezielle Pläne, diese Verankerung zu stärken?

Stephan Märki: Dass wir positiv in die Region ausstrahlen, belegen die Ergebnisse unserer Zuschauerbefragung; ein respektabler Teil des Publikums kommt aus der Region. Unsere Bemühungen, die Zuschauer weiterhin auch dort abzuholen, wo sie sind – eben auch im übertragenen Sinne –, habe ich ja gerade beschrieben. Ausserdem arbeiten wir kontinuierlich an anderen Formaten, die die Einbindung der Region sowohl inhaltlich wie durch «in die Region gehen» stärken sollen. In der kommenden Saison bieten wir neben einem mobilen Schauspiel und den Schulhauskonzerten auch ein mobiles Musiktheater an, das in Schulen aufgeführt werden kann.

Sanierung des Stadttheaters

Viele Gemeinden der Region beteiligen sich mit einem freiwilligen Beitrag an der Sanierung des Stadttheaters, die in den verlängerten Sommerpausen vorgenommen wird und noch bis in den Herbst 2017 hinein dauert. Auf was freuen Sie sich besonders? Und was hätten Sie gerne verwirklicht gesehen, aber ist am Kostendach gescheitert?

Stephan Märki: Bis jetzt freuen wir uns, nach den jahrelangen Planungen und Diskussionen über alles, was neu wird: über den Zuschauerraum, die Technik, die Foyers, die erweiterten Möglichkeiten fürs Catering bis hin zu einem Theaterkaffee am jetzigen Ort von Bern Billett. Und wir freuen uns, dass die Theaterkasse wieder ins Theater kommt.
Verzichten müssen wir aus Kostengründen weitgehend auf die geplante Renovierung unserer Backstagebereiche, aber die Technik als Grundvoraussetzung für die Bespielbarkeit und der grössere Komfort für die Zuschauer waren uns wichtiger.

Bei der Sanierung des Stadttheaters wurde – für eine so grosse Organisation wie KTB relativ kurzfristig – eine lange Bauetappe im 2016 notwendig. KTB möchte aus der Herausforderung eine Chance machen und plante in kurzer Zeit den Kubus, eine Ersatzspielstätte von April bis Oktober 2016 auf dem Waisenhausplatz. Nun sind gegen dieses Projekt Einsprachen eingegangen. Was bedeutet das für Sie und Ihr Theater?

Wenn der «Kubus» nicht gebaut werden darf, könnte das bedeuten, dass wir ab März ausser in Vidmar und Kultur Casino nicht mehr würden spielen können, das Theater hörte in der Stadt letztlich auf zu existieren. Das wäre ein immenser Schaden, nicht nur für das Haus. Dass wir uns angesichts dieses Risikos so auf den Kubus konzentrieren, ist aber nicht darin begründet, dass wir nicht in der Lage wären, diverse Alternativszenarien parallel zu entwerfen. Es liegt daran, dass es in der Stadt keinen als Ersatzspielstätte geeigneten Ort gibt. Orte wie das National oder andere, die immer wieder in den Diskussionen erwähnt wurden, können nicht leisten, was wir benötigen – von der Akustik über Anlieferungen für Bühnenbilder oder Instrumente bis zu der hohen Frequenz, in der wir spielen müssen. Deshalb ist der Kubus für uns so wichtig: weil keine Alternative funktionieren würde.
Wir sind aber optimistisch, dass es gut kommt. Die Einsprachen folgen ja einer grunddemokratischen Tradition, dass jeder, der Bedenken hat, zu Wort kommt und in seinen Bedenken ernst genommen wird. Wir führen auch weiter Gespräche mit den Einsprechern. Es wirft uns allerdings in unseren Zeitplänen stark nach hinten und bedeutet für den ganzen Betrieb eine enorme zusätzliche Belastung; diesen Verlust müssen wir irgendwie kompensieren. Das wird uns aber gelingen und am Ende dazu führen, dass auch diejenigen, die Einsprachen eingereicht haben, Freude und Gewinn an unserer temporären Bespielung auf dem Waisenhausplatz haben werden, so wie die vielen, vielen anderen auch, die sich mit uns bereits jetzt sehr auf diese aussergewöhnlichen Monate freuen.

Ausblick auf die neue Vertragsperiode 2016–2019 und auf die kommende Saison

In der letzten Vertragsperiode war ein Kostendeckungsgrad von 18 Prozent vorgeschrieben, den Sie jeweils übertroffen haben; gemäss neuem Vertrag soll er bis 2019 auf 20 Prozent gesteigert werden. An der Regionalversammlung der RKBM wurden Stimmen laut, dass dieser Grad sogar bis auf 50 Prozent gesteigert werden müsse. Was antworten Sie auf diese Forderungen? Wo liegt die Schmerzgrenze?

Stephan Märki: 20 Prozent sind die Schmerzgrenze. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass die Zurverfügungstellung von Theater und Kunst nicht in einem unmittelbaren Kosten-Nutzen-Verhältnis zu beurteilen ist. Zum einen ist der «Mehrwert» nicht direkt ableitbar; zum anderen – und das ist viel wichtiger – hat eine Gesellschaft, die demokratisch bleiben und sich offen für Veränderung und Selbstkritik halten möchte, die Selbstverpflichtung, entsprechende Institutionen zu unterhalten, die dann naturgemäss «unrentabel» sind. Sie können es überspitzt auch als „ lebensnotwendige Nutzlosigkeit“ bezeichnen Es ist eine Investition in eine Gesellschaft, in ein Stadtklima und in die Region. Und auch wenn viele das Angebot gar nicht nutzen, machen sie Ihren Zuzug oder Verbleib in Stadt oder Region eben doch abhängig davon, ob es dieses Angebot gibt.
Im Übrigen wird bei dieser Kosten-Nutzen-Rechnung meist übersehen, dass die ca. 550 Mitarbeitenden plus ihre Familien das Gehalt in der Hauptstadtregion auch wieder ausgeben und ihre Steuern und Sozialabgaben zahlen.
Um konkret auf Ihre Frage zu antworten, was es bedeuten würde, den Eigenfinanzierungsgrad auf 50 Prozent zu erhöhen: Dann würde sich der Durchschnittspreis einer Karte verzehnfachen, eine Opernkarte in Bern ca. 500 Franken kosten, in Basel und Zürich entsprechend das mehrfache.
Unser Ziel muss doch sein, allen den Zutritt zu Konzert Theater Bern zu ermöglichen. Unser Ziel muss es auch sein, jene Menschen anzusprechen, die noch gar nicht in Konzert und Theater gehen. Das geht übers Angebot – und sicher auch den Preis. Jugendliche beispielsweise schauen auf den Preisvergleich zum Kino (wo die Filme z.T. übrigens hoch subventioniert sind).
Deswegen ist diese Diskussion über den Kostendeckungsgrad so wenig zielführend. Wir müssen schauen, dass wir mit unserem Budget so wirtschafften, dass wir möglichst viele Zuschauer ins Haus locken und nicht nur die, die sich noch höhere Ticketkosten leisten könnten.
Wer also fordert, dass Kulturinstitutionen sich mehrheitlich oder ganz selbst finanzieren sollen, kann entweder nicht rechnen oder ist undemokratisch.

KTB erhält eine gestaffelte Erhöhung des Betriebsbeitrags, um einerseits die innerbetrieblichen Lohndifferenzen, die seit der Fusion bestehen, auszugleichen. Andererseits erhalten Sie während dreier Jahre je 300‘000 Franken, um das «künstlerische Innovationspotenzial» auszuschöpfen. Was dürfen wir hier erwarten?

Stephan Märki: Dieses «künstlerische Innovationspotential» klingt so gross; es wurzelt aber eigentlich in unserer engen Budgetierung. Sie lässt nicht zu, dass wir mit einer Produktion auch nur einmal einen Misserfolg landen. Mit diesem Betrag möchten wir künftig Produktionen ermöglichen, die nicht unter einem so grossen Einnahmedruck stehen wie die anderen. Kunst muss auch mal scheitern können, sonst kommt sie nicht weiter und wiederholt immer nur bereits Erfolgreiches wie der Event. Damit das – oder auch einfach mal jenseits des Budgetrahmens ein weiterer Schauspieler, Sänger, Musiker oder Tänzer, den wir uns sonst nicht leisten könnten – schadlos möglich wird, können wir mit diesem Betrag in unterschiedlichen Bereichen, auch in der Jugend- und Vermittlungsarbeit, etwas leichter arbeiten. Das ist enorm wichtig für das Haus und sein künstlerisches Fortkommen und nicht zuletzt für den Publikumsnachwuchs.

Per Ende Saison verliess Schauspieldirektorin Iris Laufenberg KTB in Richtung Graz und mit ihr eine ganze Reihe Schauspielerinnen und Schauspieler, darunter auch Publikumsliebling Andri Schenardi. Wie laufen unter diesen Vorzeichen die Vorbereitungen für die neue Saison?

Stephan Märki: Andri Schenardi geht als Gast für zwei Produktionen nach Graz, die von uns dorthin übernommen werden. Aber dass bei einem solchen Wechsel Mitarbeiter, auch aus anderen Bereichen des Theaters, mitziehen, ist ein alltäglicher Vorgang und gehört auch zu der Neugierde und Unternehmenslust von Künstlern. Wir haben aber zusammen mit Stephanie Gräve als neuer Schauspieldirektorin ein grossartiges Ensemble zusammengestellt, basierend auf Stützen des bisherigen Ensembles, das hoffentlich ganz schnell das Bedauern über den Verlust bekannter Gesichter in begeisterte Neugier auf das neu zu Sehende wenden wird. Ich freue mich sehr darauf!

In der letzten Saison lautete das Thema «In die Fremde!». Wie lautet das übergeordnete Thema in der kommenden Saison? Und haben Sie eine besondere Empfehlung?

Stephan Märki: Ein Motto in diesem Sinne haben wir eigentlich in keiner Spielzeit. Es gibt natürlich Themen, die uns gemeinsam und jede Sparte für sich stärker interessieren, es gibt rote Fäden, die dieses Interesse im Spielplan widerspiegeln. Das «In die Fremde» bezog sich letztes Jahr auf die damals noch ganz anders geplante Sanierung – damals sollte ja in wenigen Wochen der Zuschauerbereich neu gestaltet wiedereröffnet werden. Aber «in die Fremde» geht man immer, sobald man sich einer neuen Erfahrung aussetzt, insofern könnte es das Motto von Theater überhaupt sein. Eine besondere Empfehlung gebe ich Ihnen aber gern, auch wenn ich mich natürlich auf alles freue: Kommen Sie zu uns in den Kubus – dieses Erlebnis wird, wenn das Stadttheater endlich in neuem Glanz erstrahlt, nicht wieder zu haben sein.

Theater in der Schweiz

Sie sind auch Präsident des Schweizerischen Bühnenverbands. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage des Theaters in der Schweiz ein (Stichworte Neumarkt-Theater in Zürich, Orchester Biel)?

Stephan Märki: Die Diskussion über das TOBS und die abstrusen Pläne zur Abwicklung des Orchesters sind ja wieder vom Tisch. Daran können Sie sehen, welche Kraft solch eine Institution und ihr Publikum haben: Der Druck der Öffentlichkeit hat die politischen Entscheider dazu gebracht, die Pläne aufzugeben. Ich hoffe aber, dass die Initianten auch eingesehen haben, wie nutzlos ein solcher Plan gewesen wäre; Mehrkosten und ein massiver und unwiederbringlicher Qualitätsverlust wären die Folgen gewesen. Diese Vorgänge – wie auch die um das Neumarkttheater – scheinen mir aber im Positiven sehr schweizerisch: Die Diskussion darüber ist nicht tabu, aber sie ist auch nicht bereits im Vorfeld dessen, wenn es in die Öffentlichkeit kommt, entschieden; es wird nicht nur die Auseinandersetzung darüber gesucht, sondern auch deren Lösung. Bislang zumindest. Das hat mich beruhigt und gezeigt, dass das ausgeglichene und manchmal etwas träger scheinende helvetische Gemüt eben doch auf dem Quivive ist, wenn es an die Substanz geht.

Sie wurden im April 60 Jahre alt. Der NZZ haben Sie vor einigen Jahren einmal gesagt, es würde Sie lähmen, wenn Sie bis zur Pensionierung Intendant bleiben müssten. Ist diese Aussicht immer noch lähmend?

Stephan Märki: Ich bin schon 60? (lacht) Nein, im Ernst: Ich wollte damit nur ausdrücken, was ich mir immer gesagt habe und sage: Ich mache das, solange es mir Spass macht – und momentan macht es sehr viel Spass.


 
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Stephan Märki